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Henry's Songbook

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Hiroshima Child

  • Nazim Hikmet / Jeanette Turner / James Waters)

    I come and stand at every door
    But none can hear my silent tread
    I knock and yet remain unseen
    For I am dead for I am dead

    I'm only seven though I died
    In Hiroshima long ago
    I'm seven now as I was then
    When children die they do not grow

    My hair was scorched by swirling flame
    My eyes grew dim my eyes grew blind
    Death came and turned my bones to dust
    And that was scattered by the wind

    I need no fruit I need no rice
    I need no sweets nor even bread
    I ask for nothing for myself
    For I am dead for I am dead

    All that I need is that for peace
    You fight today you fight today
    So that the children of this world
    Can live and grow and laugh and play

    (as sung by The Sands Family)

Susannes Folksong-Notizen

  • [1963:] The great Turkish people's poet, Nazim Hikmet, wrote a tender, moving poem a number of years ago which, we are told, can be sung to the tune of Silkie. (Reprint Sing Out 5, 295)

  • [1989:] Mitten in der Nacht weckte mich ein Wachposten auf; er brachte einen alten Bauern zu mir. Seine Enkelin - ich hatte sie in Hesaka [einem Dorf bei Hiroshima] behandelt - hatte einen Herzanfall erlitten. [...] Der Bauer nahm mich auf seinem Fahrrad mit. [...] Es war zehn nach acht [am nächsten Morgen, dem 6. August 1945]. Ich sprang aus dem Bett. Der Mann, der neben mir geschlafen hatte, war schon an der Arbeit. Im Hof hantierten Leute am Brunnen. Ich schaute nach der Patientin. Sie schlief fest. Ich wollte ihr eine Spritze geben und öffnete die Ampulle.

    Der Augusthimmel war wolkenlos. In ungewöhnlicher Höhe näherte sich ein B-29-Bomber der Stadt. Ich dachte, es handele sich um einen der üblichen Erkundungsflüge. Ich drückte die Luft aus der Spritze und beachtete das Flugzeug nicht mehr. Als ich der Patientin die Spritze setzen wollte, traf mich ein greller Blitz, der mich fast blendete. Eine Hitzewelle schlug mir ins Gesicht. Ich weiß nicht mehr, ob ich der Patientin die Spritze noch gab. Ich warf mich auf den Boden, bedeckte mein Gesicht instinktiv mit den Händen und versuchte, ins Freie zu kriechen. "Feuer", dachte ich, doch ich sah durch meine Finger nur den blauen Himmel. In den Baumwipfeln über der Hütte bewegte sich nichts. Es war totenstill. "Habe ich geträumt?" Ich schaute nach Hiroshima hinüber.

    Da sah ich einen riesigen Feuerring, der die ganze Stadt umfaßte. Eine gewaltige weiße Wolke stieg aus dem Zentrum. Sie wurde immer größer, und in ihrem Innern schwoll ein gewaltiger Feuerball an. Unter dem Feuerball erschien eine schwarze Wolke, verbreitete sich über die Stadt, kroch an den Bergen entlang und zog sich über das Ohtatal in Richtung Hesaka, Wälder, Wege, Reisfelder Bauernhöfe und Häuser einhüllend. Ein orkanartiger Sturm wirbelte den Staub und Dreck in der Stadt empor.

    Das Dach des Schulhauses wurde von der Druckwelle weggerissen. Die Fensterläden und Markisen flogen umher wie Papier. Das Strohdach des Bauernhauses war plötzlich nicht mehr da, ich konnte den blauen Himmel sehen. Die Druckwelle schleuderte mich zehn Meter weit durch zwei Räume vor den buddhistischen Altar. Trümmer stürzten auf mich herab. Unter Schmerzen kroch ich nach draußen. Augen, Ohren, Nase und Mund waren voller Staub. [...]

    Eine lodernde Säule schoß gen Himmel. Sie wuchs zu einer riesigen Wolke heran, als wolle sie den Himmel durchstoßen. Plötzlich wurde mir eiskalt, Angst kroch in mir hoch. "Was ist das?" So etwas hatte ich noch nie gesehen. Die riesige Wolke war immer größer geworden, als wolle sie ganz Hiroshima unter sich begraben. Ein Sturmwind fuhr durch die Blätter, die Schreie der Dorfbewohner drangen herüber. Der aufgewirbelte Sand lag wie Nebel über uns. Darüber schien die Augustsonne. Die riesige Wolke (Kinoko-Gumo, die japanische Bezeichnung für "pilzförmige Wolke") schwoll weiter an und leuchtete in allen Farben, als wolle sie den Glanz des Himmels übertreffen. Der Bauer kam. Schrecken und Verwunderung standen ihm im Gesicht. Er konnte nicht verstehen, warum sein Haus so plötzlich eingestürzt war. Da er hinter dem Haus gearbeitet hatte, war er weder vom Blitz noch von der Hitzewelle getroffen worden. Als ich auf die Pilzwolke wies, versagten ihm die Beine, er mußte sich hinsetzen.[...]

    Ich mußte so schnell wie möglich nach Hiroshima zurück. Ich fuhr schnell an der Ohta entlang. Die trockene weiße Landstraße führte direkt auf die Pilzwolke zu. Ich sah keinen einzigen Menschen. [...] Ich hatte Todesangst. Doch ich war Soldat und mußte meine Pflicht erfüllen. [...]

    [Ich sah] auf der Straße eine Gestalt auf mich zustolpern. Sie war nackt, schmutzig und voller Blut. Ihr Körper war stark geschwollen. Fetzen hingen an ihr herunter. Sie hatte die Hände vor der Brust, die Handflächen wiesen nach unten. Eine dunkle Flüssigkeit tropfte von den Fetzen herab. Die Fetzen waren Haut, die schwarzen Tropfen waren Blut. Ich konnte nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war, ein Soldat oder eine Zivilperson. Der Kopf war riesig, die Augenlider und Lippen stark geschwollen. Kein Haar war mehr auf dem verbrannten Kopf. Ich wich zurück. Dieses sonderbare Wesen, eine Masse verbrannten Fleisches, über und über bedeckt mit Blut und Dreck, war ein Mann. Er hatte mich wohl trotz seiner verbrannten Augen gesehen und versuchte mit letzter Kraft, zu mir zu gelangen. Dann stürzte er. Ich bückte mich zu ihm herab und versuchte, seinen Puls zu fühlen. Doch die Haut war vollkommen verbrannt, und es gab keine Stelle, an der ich eine Vene hätte finden können. Sein Körper bäumte sich nochmals auf und blieb leblos liegen. [...]

    Zahllose Überlebende, nur noch Stoffetzen am Leib, verbrannt und blutüberströmt, standen auf der Straße. Sie rutschten auf den Knien oder krochen auf allen Vieren, einige konnten stehen oder lehnten an der Schulter eines anderen. Sie sahen nicht mehr wie Menschen aus. Ich wußte nicht, was ich mit den Leuten tun sollte, denn ich hatte weder Arznei noch Instrumente dabei. Ich konnte mir keinen Weg durch die Verletzten bahnen. Auch die Straße in Richtung Stadt würde voller Opfer sein. Ich warf das Fahrrad ins Gebüsch und sprang in den Fluß neben der Straße. Ich watete so schnell wie möglich durch den Fluß, an dessen Ufern das Gras üppig wuchs. Dunkler Rauch trieb über das Wasser. Heißer Wind schlug mir ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich wußte, daß dies der Feuersturm aus der Stadt war.

    Dann spürte ich Sand unter meinen Füßen. Ich war beim Choju-En angelangt, einem der großen Parks am Stadtrand. Ich war wohl durch den Enko gekommen, den äußersten linken der sieben Flußarme des Ohta-Deltas. Wann immer die Hitzewellen kamen, tauchte ich meinen Kopf ins Wasser. Der klare Sommerhimmel war nicht mehr zu sehen. Das Wasser sah im Flammenschein tiefrot aus, und der Wind blies mir Asche ins Gesicht. [...]

    Am Ufer des Choju-En-Parks drängten sich Verbrannte, soweit das Auge reichte. Die meisten Menschen, die im Wasser auf den seichten Wellen trieben, waren tot. Zahllose Überlebende klammerten sich aneinander fest und krochen übereinander hinweg. Die Behelfsbrücke stand in Flammen, ein endloser Zug verbrannter Menschen schob sich darüber. Einige stürzten in den Fluß. Auf dem Gelände der Pioniere auf der anderen Seite des Flusses kam es immer wieder zu Explosionen. Rauch quoll durch die Flammen in den Himmel. Funken sprühten wie Feuerwerkskörper aus den Wolken. Tausende flohen aus der Stadt und sprangen ins Wasser, als sie den Fluß erreicht hatten. [...] Tote trieben auf dem Wasser an mir vorüber. Wann immer ich ein Kind sah, mußte ich mir auf die Lippen beißen, um nicht zu schreien. Die Pilzwolke stand über uns, sie strahlte in fünf Farben in den blauen Himmel.

    Ich hörte, wie jemand meinen Namen rief. Es war Oberstleutnant Suzuki, der vor kurzem von der Front zurückgekehrt war. Er stützte sich auf einen Stock, sein Oberkörper war verbrannt. "Es ist furchtbar, das Lazarett in Hiroshima ist zerstört. Ich ..." Er rang nach Luft und konnte nicht weitersprechen. Ich half ihm, sich hinzusetzen, dann sank er in sich zusammen.

    Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort blieb. Ich hatte Angst, wahnsinnig zu werden.

    Zwei Boote mit Pionieren unter dem Kommando eines jungen Offiziers kamen den Fluß herunter. Ich kannte ihn gut, weil er an einem Tunnel in der Nähe von Hesaka mitgebaut hatte. Als das Boot näher kam, sprang er ins Wasser, hielt das Boot fest und sagte: "Sie müssen sofort nach Hesaka zurück. Dort warten zahllose Verwundete auf Sie." Wir gaben uns die Hand, er versprach, sich ein Bild über die Zerstörungen des Lazaretts in Hiroshima zu verschaffen. Dann verloren sich die Boote im Rauch. Die Soldaten kamen nie aus dem Feuer zurück.

    Es dauerte lange, bis ich in Hesaka ankam, da es nun stromaufwärts ging. Ich watete im Schutz der Uferböschung und sah viele Menschen, die auf der verzweifelten Suche nach Wasser im Fluß ertranken. Ich wußte nicht, wie spät es war; meine Uhr war naß geworden und stehen geblieben. Als ich in Hesaka ankam, verließen mich die Kräfte. Das Dorf bot einen entsetzlichen Anblick. [...] Überall auf den Straßen, auf dem Schulhof und den Plätzen lagen Schwerverletzte. Die Grundschule hatte kein Dach mehr. Der Boden war mit Trümmern übersät. Tote lagen auf den Straßen, blutüberströmte Menschen krochen auf den Schulhof. Am Eingang zur Schule lagen sie übereinander. Zuunterst lagen die Toten. Der Geruch verbrannten Fleischs war kaum zu ertragen.

    Das Zelt für die Behandlung war in einer Ecke des Geländes aufgebaut worden, und Dr. Fujimoto, der Direktor des Lazaretts, der erst am Vortag seine Stelle angetreten hatte, versorgte zusammen mit Sanitätern und Schwestern aus dem Notlazarett in Asa die Kranken. Die Verwundeten warteten in einer langen Reihe.

    In dem nahezu unzerstört gebliebenen Schulzimmer berieten der Bürgermeister, der Schulrektor und andere Männer. Als ich eintrat, stand der Bürgermeister auf und zeigte zum Fenster hinaus. Ich sah die Dorfbewohner auf einem Fußweg im Reisfeld stehen. Sie waren davongelaufen, als die Verstümmelten wortlos in ihren Häusern Zuflucht gesucht hatten. Ich sagte den Dorfältesten, was nun zu tun sei: 1) Glocke läuten, alle Dorfbewohner zusammenrufen; 2) Feldküche einrichten, Reis aus Militärbeständen ausgeben; 3) Soyaöl und alle verfügbaren Lappen bereitstellen; 4) Behelfskrematorium bauen.

    Jemand murmelte: "Tote verbrennen wir nicht, wir beerdigen sie." Ich sagte: "Gut, dann schauen Sie sich um. Mindestens zweihundert oder dreihundert Leichen. Wollen Sie Ihre ganzen Reisfelder umgraben?" Der Bürgermeister und sein Stellvertreter ließen in einem Wäldchen am Dorf das Krematorium einrichten.

    Die Dorfbewohner versammelten sich vor dem Rathaus und bauten eine Feldküche und eine Notaufnahmestelle für die Verbrannten auf. Nur Frauen und alte Männer waren dort, denn die Jungen kämpften an der Front. Einige Alte sammelten unter dem Kommando eines Unteroffiziers die Toten ein. Auf den Bahren aus Bambus und Strohgeflecht wurden schrecklich entstellte Opfer fortgetragen. Für Tränen und Mitleid gab es keine Zeit. Alle Kräfte galten jenen, die noch atmeten. Und immer mehr Überlebende kamen auf der Flucht vor der Pilzwolke in Hesaka an.

    Die Frauen formten Bällchen aus gekochtem Reis. Doch keiner der Verletzten konnte essen, ihre Lippen und Finger waren verbrannt. So wurden die Reisbällchen nochmals in Wasser gekocht, und Schulkinder fütterten die auf dem Boden liegenden Verwundeten mit ihren Händen aus einer Schüssel mit Reisbrei. "Gebt nichts den Toten." Diese Ermahnung hätten sie nicht gebraucht, denn sie wagten nicht, sich Toten zu nähern, deren entstellte Gesichter selbst den Erwachsenen Furcht einflößten. Die Verwundeten lagen auf Strohmatten am Boden. Starb einer, nahm der nächste Verbrannte seinen Platz ein.

    Schwestern, Sanitäter und Frauen aus dem Dorf gingen mit Ölkanistern herum und legten den Opfern immer neue mit Soyaöl getränkte Lappen auf die Wunden. Einige nahmen nasse Blätter als Verband. Dies tat den Verwundeten gut, wie ich sehen konnte, obwohl wir Ärzte von diesem "Hausmittel" nicht besonders viel hielten. Vier Ärzte leisteten Erste Hilfe. Zu diesem Zeitpunkt waren in Hesaka noch keine Arzneimittel und Instrumente vorhanden. Wir behalfen uns mit den wenigen Utensilien, die uns von der Familie eines Arztes zur Verfügung gestellt worden waren. Der Arzt selbst kämpfte an der Front. Ich stoppte Blutungen, nähte Wunden und entfernte Glassplitter.

    Ein ungefähr fünf Jahre alter Junge schrie zum Herzzerreißen. Jemand brachte ihn auf dem Arm herein. Ich konnte keine Verbrennungen an seinem Körper entdecken. Ein Glassplitter steckte in seinem Bauch und hatte das Bauchfell zerschnitten. Ein Teil der Bauchfellfalte quoll aus der Wunde heraus. Ich band ihn ab und entfernte ihn mit einer über der Flamme desinfizierten Zange, nachdem ich überprüft hatte, daß die Eingeweide unverletzt waren. Der Junge verlor das Bewußtsein. Später kam er zu einer Frau im Dorf, die sich um ihn kümmerte. [...]

    Ein junges Mädchen hatte schreckliche Verbrennungen am Oberkörper erlitten. Sie hatte nichts mehr, womit sie sich bedecken konnte. Ein Mann schlang ihr ein Tuch um die Hüfte. Das Mädchen war wahnsinnig vor Schmerzen. Wann immer jemand ihre Blöße bedecken wollte, riß sie sich das Tuch sofort wieder vom Leib. Ihr verbranntes Gesicht war nur noch Grimasse. Sie streifte rastlos zwischen den Verwundeten umher. Manchmal stolperte sie über Tote. Die Sonne war gesunken und die Pilzwolke am Himmel änderte ihre Form. Nachts behandelten wir die Verletzten ohne Licht.

    [...] Neben mir stand eine junge Mutter mit ihrem Kind auf dem Rücken und flehte mich unter Tränen an. Ihr verbranntes Gesicht sah furchterregend aus. Sie wiederholte ihre Bitten so oft, daß ich mich an jede Einzelheit erinnern konnte. Ihr Haus war im Bruchteil einer Sekunde in Flammen aufgegangen. Drei ihrer Kinder hatte sie nicht aus den Flammen retten können. Das kleinste trug sie auf dem Rücken. "Das Kind ist der Ersatz für die anderen drei. Bitte helfen Sie meinem Kind, Doktor," sagte sie immer wieder. Das Kind war ein oder zwei Jahre alt. Aber es war tot. Am Oberschenkel klaffte eine lange tiefe Wunde. Die Frau hatte den Verstand verloren. Sie konnte nicht verstehen, was mit ihrem Kind geschehen war, so oft ich es ihr auch erklärte. [...] Ich zerschnitt das Tuch, in dem sie das Kind vor dem Bauch trug, nahm den toten Jungen auf den Arm. Seine kalte Haut war nicht verbrannt. Eine Schwester desinfizierte seine Wunde und legte einen Verband an. "So, jetzt ist es gut. Wecken Sie ihn nicht auf. Sie müssen fest schlafen, damit Sie morgen genug Milch für Ihr Kind haben." Die junge Mutter faltete die Hände zum Dank, drückte ihr totes Kind an die blutüberströmte Brust und ging. Die Leute um mich herum brachen in Tränen aus. Ich biß die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. Ich mußte weiterarbeiten.

    Die Nacht war ein Albtraum. Das Dorf hatte sich in ein Feldlazarett verwandelt. Die Pilzwolke am Sternenhimmel sah gespenstischer aus als am Tage. Die Schmerzensschreie und das Stöhnen der Verwundeten hallten über die Felder. [...] Plötzlich ertönte ein lauter Schrei: "Bomber! Der Feind!" Jemand blies die Kerzen aus. Das bekannte Geräusch der B-29-Bomber drang von Ferne an mein Ohr. In der Schule herrschte Totenstille. Wir waren starr vor Angst. "Es ist vielleicht wieder ein Blitz." Aber das Dröhnen des Bombers verlor sich, die Maschine drehte ab, als habe sie uns nur weiter in Furcht und Schrecken halten wollen. [...]

    Auch am 7. August war das Wetter schön. [...] Und es wurde entschieden, daß ich als Verbindungsoffizier eingesetzt werden sollte. [...] Ich ging die Straße am Fluß entlang, die ich am Tag zuvor mit dem Fahrrad gefahren war. Die Pilzwolke über Hiroshima sah nun aus wie eine normale Wolke. Überall lagen Tote. Die Verwundeten schauten mich wortlos an. Nach einiger Zeit kam ich in Choju-En an. Einige schwarzverbrannte Körper lagen auf der Behelfsbrücke, die nicht abgebrannt war. Ich durchquerte den Fluß [...]. Die Straße führte unter den Geleisen der Sanyo Eisenbahn durch in die Stadt. Ich stieg den Damm hinauf und stand auf den Geleisen. Ich konnte mir nicht erklären, warum die Eisenbahnschwellen alle gleichmäßig von der Hitze verbogen worden waren.

    Hiroshima war eine Wüste. Die Stadt war innerhalb eines einzigen Tages in Schutt und Asche gelegt worden. Das Wasser in der Bucht von Hiroshima glitzerte im Sonnenlicht, davor standen nur noch wenige Häuserruinen. Der berühmte Burgturm war nicht mehr da. Einige Leute suchten nach Angehörigen und Freunden, dünner Rauch stieg aus den Ruinen. [...] Ich ging vom Bahndamm hinunter auf eine Steinmauer zu, hinter der das Hauptquartier gestanden hatte. Die Straßen waren verschüttet. Ich folgte den Stromleitungen und kam auf kürzestem Weg zur Burg. Immer noch rauchte es, Feuer glimmte überall. Ich stieg über verbranntes Fleisch und Knochen, und manchmal meinte ich, ein Stöhnen zu hören. Bald kam ich zu dem Gelände, auf dem das Militärkrankenhaus gestanden hatte. [...] Ich fragte mich, wieviele Freunde sich wohl hatten retten können. Drei Tote lagen vor dem Hauptbüro, sie waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Das satte Grün des Rasens stach mir in die Augen. [...] Nebenan floß klares Wasser aus einer zerborstenen Leitung. Dahinter die Ruinen der Stationen mit den aufgereihten Eisenbetten. Auch die Bettrahmen waren von der Hitze verbogen worden. Und plötzlich begriff ich, daß eine unbekannte, ungeheure Kraft den Menschen die Augäpfel aus dem Kopf getrieben haben mußte und die Eingeweide aus dem Anus. Die Patienten lagen noch in den Betten. Sie mußten augenblicklich tot gewesen sein. Als ich über den Rasen ging, sah ich Soldaten, die nebeneinander auf der Erde lagen. Sie waren beim Exerzieren getroffen worden. Bei allen waren die linke Gesichtshälfte und der linke Arm verbrannt.

    Ich beschleunigte meine Schritte und gelangte zur Burg. Große Lotusblätter lagen auf dem Wasser des Burggrabens, und im Schatten der massiven Steinmauer roch es noch wie früher. Doch die alte Pinie mit ihren ausladenden Ästen lag halb im Wasser, der Stamm war der Länge nach gespalten. Fische trieben auf dem Wasser. Und die Schuppen der kleinen Fische, die noch im Wasser hin und her huschten, waren vom Blitz gebleicht worden. Der große Torturm der Burg war niedergebrannt. Aus dem Trümmerhaufen züngelten Flammen. Es gab keine Wachtposten mehr. [...]

    Das Hauptquartier hatte gegenüber vom Burgturm gelegen. Wenige Männer hatten sich dort versammelt. Auf dem Boden lag ein hoher Offizier, der bis auf die Augen verbunden war. Einige verletzte Offiziere saßen um ihn herum. Nur noch eine gehißte Flagge erinnerte daran, daß hier einmal das Hauptquartier gewesen war. [...] Vom ganzen Korps waren nur noch hundert Soldaten am Leben. Die Hiroshima-Division gab es nicht mehr. [...] Ich erstattete Bericht über die Lage in Hesaka. Wenn ich mich recht erinnere, waren im Ersten und Zweiten Lazarett in Hiroshima mehr als sechzehnhundert Angestellte und Patienten gewesen. Von nur dreißig Personen wußte man, daß sie überlebt hatten, darunter der Direktor und diejenigen, die jetzt in Osaka waren. Von den anderen war nichts mehr zu erfahren. [...] Als ich die Ruinen des Krankenhauses sah, wußte ich, daß [Leutnant] Kondo nicht mehr lebte. [...] Etwa fünfhundert bis sechshundert Menschen waren auf einen Schlag vernichtet worden. Ich stand auf einem Trümmerfeld, das einen widerlichen Geruch ausströmte, und konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Plötzlich kam mir der Brief Kondos in den Sinn. "Ich frage mich, warum Sie damals nicht verstanden, daß Krieg niemals vernünftig sein kann sondern die Quelle allen Übels ist." Er hatte auch geschrieben, daß es höchste Zeit sei, den Krieg zu beenden. Das war die Frage, die sich jedermann stellte, doch niemand wagte es, sie auszusprechen. Eines Tages wollte ich darüber nachdenken. Ich sprach ein Gebet für Kondo. [...]

    Der Bahnhof war bis auf die Eisenstreben heruntergebrannt, die Hauptverbindung wurde gerade repariert. Viele Leute waren auf der Suche nach Verwandten zu Fuß hierher gekommen. Auf dem Bahnhofsvorplatz lagen keine Toten mehr, doch der Gestank verbrannten Fleischs hing noch in der Luft. Ich unterhielt mich mit einigen Leuten, aber niemand wußte, wie es im Bahnhof während der Explosion ausgesehen hatte. Ich hob Sand auf und hielt die Hand in den Wind. Ein Windstoß blies die Körner fort. Ich dachte an liebe Freunde, die ich nie wiedersehen würde. [...]

    Ungefähr vier oder fünf Tage nach dem Abwurf der Bombe ging es den Überlebenden in Hesaka unerwartet schlechter. Vielleicht hatte sich das schon angedeutet. Doch wir hatten vor lauter Arbeit nichts bemerkt. Jeden Tag starben viele Verletzte an den Folgen ihrer Verbrennungen, immer neue Schwerverwundete mußten behandelt werden. Nach fünf Tagen waren alle schwerverletzten Patienten tot. Die nur leicht verletzten oder verbrannten Patienten erholten sich langsam. Obwohl ihre Verletzungen oder Verbrennungen schrecklich aussahen, war der Verbrennungsgrad bei ihnen vergleichsweise gering. Wir vermuteten, daß sie sich bald erholen würden. Narben würden sie aber zurückbehalten. [...] Dann gab es unerwartete Vorkommnisse. [Ein] Bauer sagte, ein junger Mann habe plötzlich mehr als vierzig Grad Fieber bekommen. Es war ein Soldat, der im Gesicht und auf der linken Seite des Oberkörpers starke Verbrennungen erlitten hatte. Der Patient hatte Schweißausbrüche. Am Tag zuvor hatte er noch mit einer Krankenschwester gescherzt, doch heute wurden seine Wangen hohl. Seine nichtverbrannte Körperseite war voller roter Pusteln. Ich schaute ihm in den Mund und sah, daß Mandeln und Schleimhäute ganz schwarz geworden waren. Sein Mundgeruch war so stark, daß ich mich abwenden mußte. [...] Als ich ins Hauptbüro zurückkehren wollte, rief mich ein Sanitäter: "Kommen Sie zurück! Er blutet!" Der Mann lag auf der Strohmatte und blutete aus dem Darm, aus Augen, Nase und Mund. Sein kurzgeschorenes Haar fiel aus. Mir waren die Symptome vollkommen rätselhaft, und meine Hände zitterten. [...] Dann erbrach der Mann große Mengen Blut und starb, bevor wir noch etwas tun konnten.

    Andere Ärzte machten gleiche Erfahrungen. [...] Immer sieben oder acht Personen starben zur gleichen Zeit. Wenn ich nun zurückschaue: alle, die von der gleichen Strahlenmenge am gleichen Ort und in gleicher Entfernung zum Epizentrum der Bombe getroffen wurden, erkrankten und starben nach den Regeln der Kernphysik genauso wie die Tiere in Strahlenversuchen. Damals aber wußten wir noch nicht um die Auswirkungen der Atombombe, die das japanische Hauptquartier für eine neue, besonders wirkungsvolle Bombe hielt. Wir glaubten, es sei Ruhr, da Symptome wie Darmblutungen bei allen Patienten auftraten. [...] Knochenmarkuntersuchungen ergaben, daß die Überlebenden zuwenig rote Blutkörper bildeten und an Austrocknung litten. [Ein Arzt] hatte die Vermutung, die Symptome glichen denen bei Strahlenschäden durch Röntgen oder Radiumstrahlen. [...] Dann ging das Gerücht herum, die Marine-Radiostation in Kure habe eine Sendung des amerikanischen Rundfunks aufgefangen, in der es hieß, auf Hiroshima sei eine Atombombe abgeworfen worden. So erklärten sich die eigentümlichen Symptome mit der Strahlenkrankheit, bei der neue Blutkörper nicht ausreichend gebildet werden. Je genauer wir Bescheid wußten, desto größer wurde unsere Angst vor einem neuerlichen Atombombenabwurf. Und selbst wenn wir dies im voraus gewußt hätten, hätten wir nichts tun können. (Shuntaro Hida, Der Tag, an dem Hiroshima verschwand. Erinnerungen eines japanischen Militärarztes, Bremen 1989, S. 73ff.)

  • [1993:] In the late '50's I got a letter: "Dear Pete Seeger: I've made what I think is a singable translation of a poem by the Turkish poet, Nazim Hikmet. Do you think you could make a tune for it? (Signed), Jeanette Turner." I tried for a week. Failed. Meanwhile I couldn't get out of my head an extraordinary melody put together by an Massachusetts Institute of Technology student who had put a new tune to a mystical ballad The Great Silkie from the Shetland Islands north of Scotland. Without his permission I used his melody for Hikmet's words. It was wrong of me. I should have gotten his permission. But it worked. The Byrds made a good recording of it, electric guitars and all. [...] I never met Jeanette Turner, who was a volunteer with a New York peace organization. She died soon after she wrote me. Bless your memory, Jeanette. And Hikmet, the Turkish Communist poet imprisoned for so many years. And thank you, James Waters, now a professor in Vermont. Your melody is one of the world's greatest. (Seeger, Flowers 195f)

  • [1999:] Wären die Wissenschaftler und Ingenieure des amerikanischen 'Manhattan Project' unter Robert Oppenheimer ein Jahr früher fertiggeworden, das Mahnmal des Atomzeitalters stünde nicht in Japan, sondern irgendwo in Deutschland. Die Vereinigten Staaten wollten 1945 ein Ende des Weltkriegs, so rasch und mit so geringen Verlusten für die eigenen Truppen wie möglich. Ihr Präsident Truman, der die bisher einzige Einsatzentscheidung fällte, hat stets verneint, irgendwelche moralischen Skrupel verspürt zu haben. Der Krieg war mörderisch; da war es für die Verantwortlichen nur selbstverständlich, die Waffe zu benutzen, die ihn beenden konnte.

    So selbstverständlich, wie es danach selbstverständlich wurde, sie nicht mehr einzusetzen. Was war es, das diesem Ungetüm soviel Respekt verschaffte, daß dadurch die traditionellen Instinkte von Staaten zur Ausnutzung aller ihrer kriegerischen Mittel erstickt wurden? Es war die schier unglaubliche Vernichtungsfähigkeit der Bombe: Eine davon genügte, eine ganze Stadt auszulöschen. Die Bestückung eines einzigen Raketen-U-Boots reichte, eine große Nation aus der Geschichte zu streichen. (Christoph Bertram, Der Spiegel, 1. Feb.)

    Am Morgen des 6. August, genau um Viertel nach acht Ortszeit, sagte der Pilot Paul Tibbets seinem Bombenschützen: "Du bist jetzt dran." Der hatte eine Brücke im Zentrum von Hiroshima im Visier und löste aus:43 Sekunden später erreichte der gleißende Blitz das Cockpit, und vom Boden stieg die riesige Pilzwolke empor, die Oberst Tibbets auf dem Rückflug erst nach 360 Meilen aus der Sicht verlor. Amerikas erste Atombombe war im Ziel. 140 000 Menschen starben an diesem Tag in ihrer Stadt, die ausgesucht worden war, weil es dort kein Gefangenenlager mit amerikanischen Soldaten gab. Weitere 70 000 kamen um, als drei Tage später der zweite Schlag Nagasaki traf.

    Dem Piloten Tibbets, der den Atombomber vom Typ B-29 nach dem Geburtsnamen seiner Mutter auf "Enola Gay" getauft hatte, war nicht nach Triumph zumute. "Mein Gott, was haben wir getan?" notierte er. Doch die Anfechtung hielt nicht lange an. Rührselige Geschichten kündeten zwar von Suff und Depression, die den reuigen Bombenwerfern der "Enola Gay" angeblich zu schaffen machten. Doch in Wahrheit hielten es Tibbets und seine Leute mit der Mehrheit in Amerika, die den Atomschlag auf das praktisch schon besiegte Japan nicht in Frage stellten - "es war nötig, absolut", sagt Tibbets, der gelegentlich am Steuer einer alten B-29 mit gewaltiger Rauchbombe vor Airshow-Publikum Hiroshima nachstellte. Tibbets, 83, lebt in Ohio. (Der Spiegel, 1. Febr.)

  • german  [2001:] In Hiroschima steht übrigens ein schrecklicher Schatten [...]. Als die Atombombe über der Stadt explodierte, wartete gerade ein Mann vor dem Gebäude einer Bank. Seine Gestalt ist, eingebrannt als Schattenriss, auf der Mauer zu sehen. (Roberto Casati über sein Buch 'Die Entdeckung des Schattens', Spiegel, 12. März)

Quelle: Turkey / USA

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Henry
 Sammlung : Susanne Kalweit (Kiel)
Layout : Henry Kochlin  (Schwerin)

aktualisiert am 07.03.2000